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Dankesrede

von Prof. Dr. theol. Manfred Köhnlein

anläßlich der Verleihung des Bundesverdienstkreuzes
am 2. Oktober 2009 im Stadtgarten Schwäbisch Gmünd

 

Herr Ministerialdirektor, Herr Bürgermeister, ich danke Ihnen für die Auszeichnung. Ich danke für Ihre ehrenden Worte. Ich danke dem Land und der Stadt. Ich danke all denen, die hinter meinem Rücken diese Ehrung beantragt und befürwortet haben. Ich danke meinen Freundinnen und Freunden, die heute gelesen und gesprochen haben, dem Chor Tiramisu der Klosterbergschule unter der Leitung von Frau Heike Bareiss, dem kamerunisch-gambianischen Trommlertrio, dem meisterhaften Keyboardspieler Kilian Wilke. Ich danke Ihnen allen, dass Sie gekommen sind.

Ich bin bewegt und glücklich, - aber nicht stolz! Theologen sind komplizierte Zeitgenossen. Ich habe gezögert, mich heute bekreuzigen zu lassen. Ein Christenmensch sollte seine Talente und Kräfte nicht als eigene Werke, sondern als Gottes Gaben verstehen. Außerdem können ehrenamtliche Helfer professionelle Arbeitsplätze verdrängen und Dilettanten sein. Und gewiss ist der Staat auch froh, über ehrenamtliche Arbeit Finanzen zu sparen. Aber dann ließ ich alle Skrupel fallen, weil meine Freude überwog und weil es auch eine arrogante Demut gibt. Ich kam zu dem Schluss, dass man diese heutige Feier auch als ein Wiedersehens- und Sozialfest ansehen könnte, für das ich nur ein Anlass bin, denn ohne das Netz meiner Freunde, ohne die vielen treuen Spenderinnen und Spender, ohne meinen kirchlichen Rückhalt wäre ich ein wirkungsloser Idealist geblieben. So wollte ich Sie heute Abend durch den Tiramisuchor hören lassen, welche Lebensfreude Menschen mit Behinderungen ausstrahlen können. Sie sollten auch staunen, wie viel ehe-malige Asylbewerber als Mitbürger gekommen sind, die längst Eigentumswohnungen oder gar Häuser besitzen und ihre Kinder in den Schulen nicht selten zu den Besten zählen dürfen. Eigentlich verdienten es viele Frauen und Männer, dieGmünd in der Sozialarbeit und Erziehung tätig sind, für ihren Einsatz geehrt werden. Am liebsten würde ich an meinem Bundesverdienstkreuz die Zacken abbrechen und einigen unter Ihnen anstecken, in Sonderheit den Familien Häußler und Göhrum, aber dann wäre das schöne Kreuz kaputt und meine Erben könnten es eines Tages nicht mehr veräußern.

Der große Philosoph und Dichter Francesco Petrarca, hat den Spruch geprägt: „Si quis tota die currens pervenit ad vesperam satis est“: „Wenn einer, der den ganzen Tag gelaufen ist, abends ankommt, so ist es genug.“ Die Bemerkung „wenn einer abends ankommt“ höre ich doppeldeutig. Ich bin jetzt biographisch an meinem Lebensabend angekommen und ich bin nun auch mit dieser Ehrung moralisch angekommen in dieser Stadt, denn die Gmünder hatten es nicht immer leicht mit mir. Meine Rollenvielfalt war verwirrend: Der Professor, der grüne Fraktionsvorsitzende, der Friedenskämpfer, der Asylantenhelfer, der Gefangenenbetreuer, der Israelfreund, der Unterstützer arabischer Familien, der Bundestagskandidat, der Pfarrer, der Stadtrat, der Rechberger, der Protestierer und der Protestant. Griff man die eine Rolle an, kam die andere zum Zug. Dabei habe ich meine Aufgaben nie gesucht. Sie sind mir von selbst begegnet. Einmal wurde meine Frau von einem Gmünder Oberen gefragt: „Sie sind Frau Köhnlein? Ja, um Himmelswillen, ist vielleicht der Köhnlein ihr Mann?“ Nicht selten haben Bürger dieser Stadt über mich den Kopf schütteln müssen: „Warum tut er das, was er tut?“ In einem Buswartehäuschen wurde in an die Wand gekritzelt: „Ausländer raus!“ Und darunter: „Und Köhnlein auch!“ Die Aufzählung meiner Engagements hörte sich vielleicht an, als wäre ich ein „Hans-Dampf-in-allen-Gassen“ gewesen“. Aber es waren die Fragen der jeweiligen Zeit, denen ich nicht ausweichen wollte; es waren die einzelnen Schicksale, die ich an unserer Haustür nicht abweisen konnte.

Warum führt einer überhaupt so viele Fremde in sein Haus? Warum hält er vor der Mutlanger Depot sein Kerzchen gegen den Irrsinn apokalyptischer Raketenstationierung hoch? Warum lässt er sich als Pfarrer in den Gemeinderat und Kreistag wählen? Weil es auch vor Ort in den Kommunen um nichts anderes als um Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung geht. Friedensliebe kommt nicht ohne Anwendung im eigenen Alltag aus, Nächstenliebe nicht ohne Selbstverständlichkeit. Wenn alle an denen, die am Boden liegen, vorübergingen, wäre das gesellschaftliche Klima für viele in diesem Land noch kälter. Ich sehe heute in der Privatisierung und Neutralisierung der Gewissen die gefährlichsten Untugenden. Raffen, statt teilen; wegschauen, statt hinschauen; - manche Bürger bringen sich damit nur um die Erfahrung, geliebt und gebraucht zu werden! Was gibt es Schöneres, als einem abgestürzten Mitmenschen wieder aufzuhelfen; als einem behinderten Kind einen rollstuhlgerechten Spielplatz zu verschaffen? Der Staat kann viel, aber nicht alles. Der Staat sind seine Bürger. Sollten wir nicht intensiver wahrnehmen, dass wir in Europa seit über sechzig Jahren inmitten aller Weltkonflikte die Privilegierten und Verschonten sind? „Brich dem Hungrigen dein Brot, führ den Fremden in dein Haus, sprich mit dem Traurigen ein Wort“, mahnt uns die leise Stimme Jesu, der nicht unterschied zwischen Nächsten und Übernächsten, Einheimischen und Dahergelaufenen. Vielleicht waren es meine Kindheitserfahrungen in der Kriegs- und Nachkriegszeit, vielleicht war es der Hochschullehrer in mir, der seinen Studenten die Evangelien als Lebensratschläge bewahrheiten wollte, vielleicht auch der Demokrat, der den Artikel 1 des Grundgesetzes: „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ praktiziert sehen wollte. Ich habe es nie ertragen können, dass bei uns die Asylbewerber in primitive Lagerverhältnisse hineinkaserniert wurden, so dass sie, die so viel Traumata erlitten haben, in unserer so genannten Ersten Welt auf dem Niveau der Dritten Welt weitervegetieren mussten und heute noch müssen. Es darf nicht nur persönliche Barmherzigkeit geben. Die Humanität sollte auch in Gesetzen und Verordnungen sichtbar werden. Jeder Dualismus: „Wir sind wir! Und ihr bleibt ihr!“ ist ein Nährboden für Aggressionen. Man redet zurzeit so viel von Integration und schließt doch die kleine Restmenge der Asylbewerber, die es nach der Abschottung Europas überhaupt noch gibt, mit längst hinfälligen Gesetzen wie dem Arbeitsverbot und der Bewegungsbeschränkung von der Integration und Selbstversorgung aus. Ich frage auch: Weshalb muss die Lebenshilfe Jahr für Jahr neu um staatliche Zuschüsse kämpfen, so dass sie nur in ständiger Unsicherheit ihre Dienste planen kann? „Das Gesetz ist um des Menschen willen geschaffen und nicht der Mensch um des Gesetzes willen“. Dieser fundamentale Spruch Jesu ist mir auf der Suche nach Gerechtigkeit zum Lebens- und Arbeitsmotto geworden. Und tatsächlich erfuhr ich es auch immer wieder, dass einfühlsame Beamte Spielräume in ihren Vorschriften entdeckten, wenn ich für ungewöhnliches Handeln persönlich die Haftung übernahm. Die Akten der geförderten Lebensläufe erreichten mit der Zeit in meinem Studierzimmer die Breite meiner theologischen Bücherborde.

Dabei hätte ich viele meiner Aktionen nicht verwirklichen können, wenn mich die Hochschule nicht weitgehend von ihrer Selbstverwaltung befreit hätte, wenn nicht Zahnarztpraxen mit Altgold, die Gmünder Tagespost mit Artikelserien, die Suppenküchen auf den Weihnachtsmärkten mit ihren Einnahmen geholfen hätten; wenn meine Söhne und Töchter nicht manchmal so froh gewesen wären, dass der umtriebige Vater anderswo beschäftigt war, und wenn mich nicht meine liebe Frau unterstützt und ertragen hätte. Meine Frau hat meine Nerven beruhigt, die Betten der vielen fremden Gäste in unserem Haus bezogen, die Socken der Flüchtlinge gewaschen, für die verschiedenen Weltreligionen verschieden gekocht und als Lehrerin ausländischen Kindern und Jugendlichen kostenlose Nachhilfe gegeben. Unzählige Flüchtlinge aus aller Herren Länder nennen sie heute noch „Mama“. Ich möchte deshalb zum Schluss ein Stück der Ehrung, die ich heute Abend erfahren habe, an meine Frau weitergeben und ihr quasi ein privates Verdienstkreuz überreichen. Ein umtriebiger Mann ist nur wirksam mit Hilfe einer besonnenen Frau. Meine Liebe, ich danke dir! (Aushändigung eines Schmuckkästchens).

 


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